Terrorwarnungen / "Die Angst ändert ihre Richtung."

19.11.2010

In Deutschland wird vor einer konkreten Terrorgefahr gewarnt. Was löst das bei der Bevölkerung aus? Traumaforscher Lüdke rät im Interview den Menschen, sich auf ihr Bauchgefühl zu verlassen. Und: "Lasst euch nicht einschüchtern, zeigt eure Angst nicht."

SPIEGEL ONLINE: Innenminister Thomas de Maizière hat deutlich wie nie vor einem Terroranschlag in Deutschland gewarnt. Was löst eine solche Warnung bei Menschen aus?

Lüdke: Diese Äußerung ist wenig konkret und deshalb können die Menschen mit ihr nicht viel anfangen. Sie schärft das Bewusstsein - Terror gerät wieder in den Fokus der Aufmerksamkeit. Viel mehr aber nicht. Denn mit einer grundsätzlichen Verunsicherung leben die Deutschen sowieso seit den Anschlägen vom 11. September 2001. Es ist ja keine Frage, ob es hier irgendwann einen Terrorangriff geben wird, sondern nur wann. Das wissen die Menschen.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt die offenbar begründete Sorge, dass Attentäter in Deutschland einen Anschlag nach dem Vorbild des Terrors von Mumbai 2008 planen - in Hotels, auf Bahnhöfen. Glauben Sie, dass viele Menschen in Deutschland ihr Leben ändern, Bahnhöfe etwa meiden?

Lüdke: Ich glaube nicht, dass es Panikanfälle in der Bevölkerung gibt, die meisten werden genauso weiter machen, wie sie es geplant haben. De Maizières Warnung ist ja eher die Aufforderung, ein waches Auge zu haben. Es wäre etwas komplett anderes, wenn die Regierung konkrete Informationen herausgegeben hätte - etwa: Es ist wahrscheinlich, dass etwas im Süden in einem Regionalexpress an dem und dem Tag passiert. Dann bleibt man halt zuhause.

SPIEGEL ONLINE: Also einfach weitermachen wie bisher?

Lüdke: Alles andere wäre verheerend. Ich rate den Menschen, sich auf ihr Bauchgefühl zu verlassen, denn das trügt nur selten. Menschen haben einen angeborenen Schutzinstinkt vor seelischen und körperlichen Verwundungen. Wer also in einem Stadion oder auf einem Bahnhof sitzt und das Gefühl hat, irgendetwas ist komisch, der sollte gehen. Aber das gilt nicht erst seit der neuesten Warnung, sondern spätestens seit dem 11. September 2001. Im Übrigen haben Menschen ein Angstlevel, das immer gleich bleibt - die Angst ändert nur ihre Richtung: Im Moment haben die Menschen vielleicht für ein paar Tage weniger Angst davor arbeitslos zu werden, dafür fürchten sie einen Terroranschlag.

SPIEGEL ONLINE: In anderen Ländern leben Menschen seit Jahren mit der ständigen Furcht vor Anschlägen - in Israel zum Beispiel. Hört die Angst irgendwann auf?

Lüdke: Es gibt keine Gewöhnung an die Angst vor Terror, es gibt nicht so etwas wie ein dickes Fell. Sobald zum Beispiel ein Freund durch einen Terroranschlag getroffen wird, brechen auch die Menschen, die mit dieser Angst jahrelang leben, zusammen. Psychologen sprechen von sogenannten "Realängsten", also begründeter Furcht. In Gesellschaften, in denen Terror fast zum Alltag gehört, ist diese natürlich größer. Aber: Das kann man nicht behandeln, sondern nur Vorkehrungen treffen und etwa nicht mehr mit bestimmten Buslinien fahren.

SPIEGEL ONLINE: Ein Hauptziel von Terroristen ist es, Angst zu schüren. Wie könnten die Deutschen ein kollektives Trotzgefühl entwickeln oder Gelassenheit?

Lüdke: Hier gilt für Gesellschaften das gleiche wie für den einzelnen Mensch: Lasst euch nicht einschüchtern, zeigt eure Angst nicht. Das wird schon Kinder im Selbstbehauptungstraining beigebracht. Eine Gesellschaft kann und muss sich psychologisch auflehnen und vermitteln: "Wir sind groß und stark, wir lassen uns nicht in die Knie zwingen und werden uns vor Angriffen schützen - notfalls mit Gewalt". Diese Botschaft sendet man eben dadurch, dass man sein Leben nicht ändert.

Das Interview führte Anna Reimann

Quelle: Spiegel Online vom 19. November 2010 (www.spiegel.de)