HANDELSBLATT-UNTERNEHMERGESPRÄCH: FRIEDRICH P. KÖTTER "Viele wissen nicht, was sie tun"

06.10.2010

Der Kötter-Chef kritisiert Billiganbieter in der Sicherheitsbranche und fordert einen Mindestlohn. Mit dem Unternehmer sprach Sönke Iwersen.

Handelsblatt: Herr Kötter, Sicherheit ist ein sensibles Geschäft. Wie fasst man auf diesem Markt Fuß?

Friedrich P. Kötter: Das geht relativ schnell. Sie fahren zur Industrie- und Handelskammer und setzen sich 80 Stunden in einen Kurs. Anschließend gehen Sie zum Gewerbeamt, legen den IHK-Schein und ein eintragungsfreies Führungszeugnis vor und kaufen sich den Gewerbeschein. Schon können Sie sich als Sicherheitsunternehmer betiteln.

HB: Dann könnte ich ja schon in vier Wochen Ihr Konkurrent sein.

Kötter: Wir würden Sie nicht Konkurrent nennen, sondern Marktbegleiter. Aber davon abgesehen: ja.

HB: Da wirkt Ihre Branche ja nicht besonders seriös.

Kötter: Was den Markteintritt betrifft, muss ich Ihnen leider zustimmen. Aber dies ist nur die eine Seite. Gleichzeitig haben die seriösen Anbieter die Branche in Sachen Qualität deutlich vorangebracht. Sonst würden wir wohl kaum Dienstleistungen an Flughäfen oder in Haftanstalten übernehmen können und so einen wichtigen Beitrag zur öffentlichen Sicherheit leisten.

HB: Müssten für Sicherheitsfirmen nicht besondere Gesetze gelten?

Kötter: Wir würden uns sehr wünschen, dass Deutschland dem Beispiel vieler Länder folgt und ein Sicherheitsgesetz erlässt, so wie es das für den Luftbereich bereits gibt.

HB: Warum passiert das nicht?

Kötter: Der Gesetzgeber ist sich nicht einig. Das Innenministerium will mehr Qualität in die Branche bringen. Da wir aber auf Grundlage einer Gewerbeordnung arbeiten und dem Wirtschaftsministerium unterliegen, sagt dieses: Eure Branche ist so sexy, die schafft viele Arbeitsplätze, da lassen wir jeden rein und schaffen so Wettbewerb.

HB: Das ist ja nichts schlechtes.

Kötter: Nein. Aber Qualität auch nicht. Wir sprechen hier über eine schnell wachsende Branche. Es gibt jetzt schon 3 700 Unternehmen im Markt. Und leider wissen nicht alle, was sie tun.

HB: Wie meinen Sie das?

Kötter: Es beteiligen sich Leute an Ausschreibungen, die gerade erst ihren Gewerbeschein in der Tasche haben. Sie wissen oft gar nicht, welche Löhne und Qualifikation für welche Leistungen nötig sind. So entstehen Angebote, die völlig an der Realität vorbeigehen.

HB: Aber der Kunde wird doch nicht nur auf billig setzen.

Kötter: Leider ist der Preis oft das entscheidende Argument. Und ohne die von unserer Branche beantragten Mindestlöhne könnte die Lage noch schlimmer werden.

HB: Warum?

Kötter: Weil ab Mai 2011 in der EU Dienstleistungsfreiheit gilt. Dann können osteuropäische Sicherheitsanbieter in Deutschland aktiv werden. Und die arbeiten dann vielleicht für zwei Euro Stundenlohn.

HB: Um was für Tätigkeiten geht es?

Kötter: Um alle. Vom Pförtner, der die Lieferanten kontrolliert, bis hin zum Mitarbeiter, der das Geld beim Einzelhandel abholt und im Geldtransporter zur Bank bringt.

HB: Aber wer will denn, dass seine Millionen von jemandem transportiert werden, der zwei Euro die Stunde verdient?

Kötter: Wir finden diese Vorstellung auch absurd, aber wir kennen die Reflexe vieler Kunden. Die Zahl rechts unten auf dem Angebot entscheidet. Deshalb kämpfen wir für die Einführung von Mindestlöhnen, damit der Wettbewerb nicht auf dem Rücken der Mitarbeiter ausgetragen wird.

HB: Das klingt jetzt sehr nach Gutmensch.

Kötter: Darum geht es nicht. Wir sorgen uns einfach um die Qualität in unserer Branche. Wir sehen auch den Kunden in der Pflicht. Er muss hinterfragen, ob die geforderte Leistung zum angebotenen Preis überhaupt machbar ist. Jeder Mitarbeiter muss von seinem Einkommen leben können. Sonst passieren Dinge, die nicht passieren sollten.

HB: Das hört sich ziemlich bedrohlich an. Wird Deutschland unsicherer?

Kötter: Die Tendenz gibt es, ja. Insgesamt aber leben wir in einem der sichersten Länder.

HB: Wie steht es denn um die Sicherheit deutscher Manager? Das ist doch ein lukratives Geschäft.

Kötter: Im Gegenteil. Die Ausgaben für den Personenschutz sind in Unternehmen seit Jahren rückläufig.

HB: Wie kommt das?

Kötter: Es gab Ende der 90er-Jahre eine Gesetzesänderung. Seitdem werden Ausgaben für den Personenschutz nur noch dann steuerlich begünstigt, wenn der Manager auf der offiziellen Liste der gefährdeten Personen der Behörden steht.

HB: Und ohne Steuerbegünstigung fühlen sich die Manager sicherer?

Kötter: Wir beobachten, dass Firmen mit Personenschutzmaßnahmen sehr viel restriktiver umgehen als in der Vergangenheit. Das geht so weit, dass Manager ohne Leibwächter unterwegs sind, bei denen die Behörden das empfehlen. Unser Brot- und Buttergeschäft ist aber ohnehin der Objekt- und Werkschutz. Und da ist das Bedürfnis nach Sicherheit durchaus gestiegen.

HB: Die Unternehmen müssen sich mehr schützen als früher?

Kötter: Ja. Die Globalisierung hat dafür gesorgt, dass die ganze Welt zum Marktplatz für deutsche Unternehmen geworden ist. Das bedeutet aber auch, dass Unternehmen aus aller Welt hier Konkurrenz machen. Die Notwendigkeit, sein Know-how und seine Fabriken zu schützen, ist eindeutig gestiegen.

HB: Sie sind in Deutschland die Nummer zwei - mit sehr großem Abstand hinter Securitas. Wie halten Sie da stand?

Kötter: Wir kommen sehr gut zurecht. Anders als Securitas sind wir nicht durch Zukäufe gewachsen, sondern in erster Linie organisch. Unsere Kunden wissen, dass sie bei uns langfristig dieselben Ansprechpartner haben. Das ist gerade in unserem Gewerbe ein großer Vorteil.

HB: Dann hilft es Ihnen also, als Familienunternehmen aufzutreten?

Kötter: Natürlich. Unser Unternehmen ist jetzt fast 80 Jahre alt. Der Name Kötter steht für Zuverlässigkeit und Kontinuität.


DRITTE GENERATION

Friedrich P. Kötter, geboren 1966 in Essen, wurde gleich nach dem Abitur von seinem Vater gefragt, ob er in das Familienunternehmen einsteigen will. Er wollte, richtete seine Ausbildung entsprechend aus, und ist seit 1994 in der Geschäftsführung des 1934 von seinem Großvater in Wanne-Eickel gegründeten Unternehmens tätig. Neben ihm ist auch seine Schwester Martina in der Firma aktiv. Ihr Vater, der 73jährige Fritz Kötter, ist Beiratsvorsitzender. Friedrich Kötter ist neben seiner Position als Geschäftsführer zusätzlich in zahlreichen Verbänden in führender Position, darunter sein Vorstandsmandat im Weltsicherheitsverband.

Quelle: Handelsblatt vom 6. Oktober 2010