
Schaden durch Wirtschaftskriminalität nimmt zu. Interview mit Friedrich P. Kötter in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ)
csc. ESSEN, 6. Oktober. "Die deutschen Mittelständler tun zu wenig für ihre Sicherheit", warnt Friedrich Kötter, geschäftsführender Gesellschafter des Sicherheitsdienstleiters Kötter, vor der am 7. Oktober beginnenden Messe Security in Essen. Die Gefahren durch Werksspionage und Produktpiraterie würden vielfach unterschätzt. Dabei sei etwa der Spezialmaschinenbau, in dem viele deutsche Hersteller führend auf dem Weltmarkt sind, besonders durch Ausspähung gefährdet. Allerdings profitierten Mittelständler davon, "dass das Unternehmen wie eine große Familie angesehen wird", räumt er ein. Werden Mitarbeiter von Abläufen abgeschirmt, könne die Motivation leiden. Hier müsse man Vor- und Nachteile abwägen.
Der hierzulande durch Wirtschaftskriminalität verursachte Schaden wird in diesem Jahr von 20 auf 30 Milliarden Euro steigen, wie die Arbeitsgemeinschaft für Sicherheit der Wirtschaft schätzt. 70 000 Arbeitsplätze gehen infolge des Handels mit Plagiaten nach Angaben der EU-Kommission jedes Jahr in Deutschland verloren.
Die höchsten Sicherheitsvorkehrungen gibt es nach Kötters Angaben in der IT-Branche und bei den Biotech-Firmen. "Diese Branchen haben am ehesten Verständnis für unsere Produkte." Nachholbedarf herrsche in vielen Industriebetrieben und beispielsweise auch im Bereich regenerative Energien, sagt er mit Verweis auf die Spionageaffäre um den Windanlagenbauer Enercon in den neunziger Jahren. In Ländern wie den Vereinigten Staaten, Großbritannien und Frankreich seien die Sicherheitsmaßnahmen wesentlich höher.
Optimal schützen könne nur ein umfassendes Konzept, welches das gesamte Firmengelände absichere, wirbt Kötter für sein Geschäft: Von Pfortendiensten und Zutrittskontrollen auf allen Etagen bis hin zur Absicherung sensibler Bereiche wie der Forschungsabteilung durch biometrische Systeme wie Kontrolle von Fingerabdruck oder Iris. Auch bei Aktivitäten im Ausland berät Kötter, bei Bedarf werden Standorte per Software vernetzt. Immer häufiger wird das Essener Familienunternehmen (12 000 Mitarbeiter) mit Projekten beauftragt, die sowohl die Installation der Technik als auch Dienstleistungen wie Bewachung umfassen.
Impulse bringen sollen auch die Aufgaben an Flughäfen: Mehr als 600 Mitarbeiter von Kötter kontrollieren die Fluggäste in Dresden und Düsseldorf. Weitere Aufträge erhofft man sich für Gefängnisse: In den neuen Justizvollzugsanstalten Burg und Offenburg wird Kötter vom kommenden Jahr an mit jeweils rund 100 Mitarbeitern Pförtnerdienste, die Versorgung der Inhaftierten, Verwaltungsaufgaben und die Reinigung übernehmen. Die öffentliche Hand werde in Zukunft noch mehr Aufgaben an private Unternehmen abgeben, erwartet Kötter. "Warum soll ein hochqualifizierter Polizist einfachen Objektschutz übernehmen?", fragt er. Kötter bewacht unter anderem den Westdeutschen Rundfunk, den Flughafen Köln/Bonn, das Staatsschauspiel Dresden und die Landesvertretung Sachsen in Berlin.
Für das laufende Jahr rechnet der Geschäftsführer mit einem Umsatzplus von rund 5 Prozent, das vor allem aus der größten Sparte Sicherheitsdienste kommen wird. Das Geschäft mit Zeitarbeitskräften habe dagegen deutlich an Schwung verloren. Der Bereich hatte 2007 noch maßgeblich zu dem "außergewöhnlich hohen" Umsatzanstieg von 16 Prozent auf 262 Millionen Euro beigetragen. Besonders getroffen haben Kötter die Pleiten im Handel. Bei allen drei insolventen ehemaligen Karstadt-Tochterunternehmen - Hertie, Sinn-Leffers und Wehmeyer - waren Kötter-Mitarbeiter im Einsatz; an der Kasse oder als Sicherheitskräfte. "Wir mussten unsere Löhne zahlen, mit viel Glück kriegen wir 60 oder 70 Prozent vom Insolvenzverwalter zurück", sagt Kötter.
Auf dem mit rund 3500 Anbietern stark zersplitterten deutschen Markt für Wach- und Sicherheitsdienste sieht sich Kötter als Nummer zwei nach Weltmarktführer Securitas und vor den Vereinigten Sicherheitsunternehmen VSU. Nach einer Studie der Berenberg Bank wird der deutsche Markt (4,3 Milliarden Euro Umsatz) in den nächsten Jahren um durchschnittlich 6 bis 8 Prozent zulegen. Kötter rechnet mit einer weiteren Konsolidierung der unter starkem Preiswettbewerb stehenden Branche. Zunehmend zeigten auch Finanzinvestoren Interesse, wie der Einstieg von Argantis beim Kölner Anbieter W.I.S. beweise.
Auf der weltgrößten Sicherheitsmesse Security in Essen stellen vom 7. bis 10. Oktober 1100 Anbieter aus 42 Ländern aus. "Leider sind immer weniger Dienstleister vertreten, die Technik überwiegt", bedauert Kötter. Dienstleistungen seien eben schlecht darzustellen. Kötter präsentiert unter anderem eine neue Notrufsäule für Baustellen und die neue Sparte Terapon Consulting, die psychologische Betreuung von Mitarbeitern nach Überfällen leistet.
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